Online-Journalismus: Gegen die Klick-Diktatur

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Weil ihnen suchmaschinenoptimierte Texte und die Jagd nach Klicks zuwider sind, haben Herausgeber Sebastian Esser und namhafte Journalisten die Plattform Krautreporter gegründet, finanziert allein durch Crowdfunding. Seit Oktober letzten Jahres zeigt die Seite, was werbefreier Online-Journalismus optisch und inhaltlich anders machen kann.

Scrollen statt Klicken

In der Regel muss Online-Journalismus vor allem eines: Klicks generieren. Diese bestimmen, wie viel Geld durch Pop-Ups, Anzeigen und sonstige Werbung eingenommen wird.

Wie während der Crowdfunding-Phase versprochen, lässt sich davon auf krautreporter.de nichts finden. Ins Auge sticht das minimalistisch gehaltene Design des Online-Portals: Ressorts sucht man vergebens, in der Übersicht kann man lediglich zwischen Artikeln und Autoren wählen. Die Zeit hat sehr treffend mit „Der Autor ist die Message“ betitelt. Es gibt auch keine Unterseiten, Artikel reiht sich an Artikel. Man scrollt so lange, bis man keine Lust mehr hat.

Text, Text, Text

Konsequent ist man auch bei den Artikeln selbst. Texte mit über 3.000 Wörtern Länge sind keine Seltenheit, Bilder und Videos werden großformatig eingebettet. Geschichten sollen hier erzählt werden, und so steht das Ausschweifende, Narrative häufig im Vordergrund. Der Gatekeeper ist immer noch da, aber im Web muss er nun mal keinen Platz sparen. Wer von Cliffhangern die Nase voll hat, dem sei die Seite ans Herz gelegt: Überschrift und Untertitel kommen angenehm unaufgeregt daher.

Eine Art großer Blog ist das trotzdem noch lange nicht. In journalistischer Manier ist man am Ort des Geschehens, Interviews sind genauso selbstverständlich wie ausführliche Recherchen. Diese Art von Content kostet eine Stange Geld. Geld, das man bei der derzeitigen Lage im Online-Bereich wohl nur durch Crowdfunding einsammeln kann. Über 900.000 € spendete die Community im Vorfeld.

Gemeinsam sind wir Krautreporter

Bei der Finanzierung hat man sich an dem Onlinemagazin De Correspondant orientiert. Im Gegensatz zum niederländischen Pendant können die Artikel selbst von jedem Benutzer gelesen werden. Kommentare schreiben und lesen dürfen hingegen nur zahlende Mitglieder, oben drauf gibt es exklusive Inhalte und Audioversionen der Artikel. Für fünf Euro im Monat darf man sich Teil der Community nennen.

Die Zukunft des Online-Journalismus?

Man kann durchaus einwenden, dass diesem Potpourri der rote Faden fehlt. Wenn auf einen Bericht über investigativen Journalismus in Ungarn das Portrait eines 76-Jährigen Marathonläufers folgt, zeugt das zwar von Themenvielfalt, aber auch von einer gewissen Unausgewogenheit. Benutzer, die vor allem etwas über Wirtschaft oder Sport lesen wollen, können mehrere Tage leer ausgehen. Um im hart umkämpften Online-Journalismus zu einer Marke zu werden, müssen sich die Krautreporter darüber klar werden, was genau sie denn sein möchten.

Es bleibt abzuwarten, ob sich etablierte Medien in ihren Berichten auf die Krautreporter beziehen werden, oder das Portal letztlich in einer Art Blase mit seiner Leserschaft unbeachtet bleibt. Unklar bleibt auch, ob man die zahlende Kundschaft erneut dazu bringen kann, die Plattform zu finanzieren. Denn wer unbedingt kommentieren will, kann das auch auf Facebook machen. Mehr Extras könnten bei dieser Entscheidung sicherlich nicht schaden, auch wenn es sich von selbst versteht, dass jede Mitgliedschaft fair bezahlten Journalismus ermöglicht.

Eines zeigt die Seite aber jetzt schon: Teuer produzierter Journalismus wird im Online-Bereich auf Dauer nicht kostenlos bleiben können.

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Über Christian Haßmann

Christian Haßmann ist seit November 2014 Werkstudent bei consense. Nach Praktika in der Werbung und im Journalismus hat es den Anglistik-Studenten in die PR verschlagen. Am liebsten liest und schreibt er über Medien im Wandel und neue Trends in der Öffentlichkeitsarbeit.
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