Social Media Mitbestimmung – das Ende der Politikverdrossenheit?

Pile-of-Likes

Unbestritten ist, Social Media hat großen Einfluss auf unser Leben. Immer mehr Menschen nutzen soziale Netzwerke wie Facebook. Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um den persönlichen Kontakt zu Freunden. Unternehmen und Interessensgruppen versuchen etwa Facebook als Plattform für ihre Botschaften zu nutzen. Natürlich macht diese Entwicklung auch vor dem politischen Geschehen nicht halt. So lassen sich in Social Media Inhalte für und gegen so ziemlich alles und jeden finden. Beispielsweise fordern Fanpages zum politischen Mitwirken auf, oft in Form einer Petition. Ist das das Ende der Politikverdrossenheit? Sind Social Media Initiativen tatsächlich so kraftvoll, wie sie scheinen?

Mit Social Media gegen Politikverdrossenheit?

Es gibt sie, die großen Social Media Initiativen auf Facebook. Aktuelles Beispiel: Die Schweizer Facebookseite „Volksinitiative 140 auf der Autobahn bei 100’000 likes“ hat es seit 31. Januar auf 153.323 Gefällt-mir-Angaben gebracht. Hintergrund der Kampagne: In der Schweiz gilt auf Autobahnen ein Tempolimit von 120 km/h. Wie der Name der Fanpage schon verrät, soll die Begrenzung auf 140 km/h hochgesetzt werden. Ein politisches Ziel, das große Unterstützung erfährt. Und so möchte der Betrachter auf den ersten Blick noch jubilieren. Den Kritikern der Generation Social Media entgegen rufen: „Politikverdrossenheit, von wegen!“ Aber so einfach ist es eben nicht.

Mehr Schein als Sein in Social Media

An diesem Beispiel sieht man wunderbar das Problem der Social Media Mitbestimmung: Es reichen eine populäre Idee und etwas Glück und schon geht die Geschichte durch die Decke. Überspitzt formuliert, die Social Media Initiative „Angela Merkel soll Montags vor dem Bundestag Eis verteilen“ hätte wahrscheinlich ähnlichen Erfolg. Der Grund dafür ist einfach. Das Involvement auf Facebook ist meistens niedrig, die Interaktionsschwelle auch. So erfordert das Klicken des Like-Buttons keine Auseinandersetzung mit der Thematik.

Social Media – überzeugend oder überbewertet?

Auch schon vor Social Media haben Massen populäre Themen unterstützt. Dass aber aus den „stummen Zustimmern“ eine öffentliche „Meinungsmacht“ wird, ist neu und eine Herausforderung für die Politik. Denn Social Media gaukelt große Unterstützung oft nur vor. Die Bereitschaft sich außerhalb von Social Media zu engagieren ist hingegen häufig eher gering. Das zeigt auch die Schweizer Initiative. Den 153.323 Facebook-Likes stehen nur 26.351 reale Unterzeichner der Petition gegenüber. Das sind lediglich 17% der Facebook-Likes. Und erst knapp über ein Viertel  der nötigen Unterschriften, damit die Volksinitiative zur Abstimmung zugelassen wird. Wenn aber schon das bloße Unterschreiben der Petition, sozusagen die old-school Variante der „Likes“, eine so große Hürde darstellt, steht es um das tatsächliche Engagement der Social Media Nutzer wohl nicht so gut.

Social Media – Quantität statt Qualität

Wir haben es bei Social Media Initiativen zwar häufig mit einer großen Anzahl von Leuten zu tun, die Stärke ihres Engagements ist jedoch fraglich. Ebenso, ob die Likes überhaupt relevant sind. Bei der Schweizer Social Media Initiative hat beispielsweise ein Deutscher kommentiert: „Bin Deutscher. Deshalb ist meine Stimme nicht gültig.“ Viele Likes könnten theoretisch auch eingekauft sein, was eine höhere Relevanz eines Themas suggeriert. Wie viele der Likes also tatsächlich  von Stimmberechtigten Schweizern kommen lässt sich ohne Prüfung nur schwer abschätzen.

Social Media Mitbestimmung weder ignorieren noch überschätzen

Was die Politikverdrossenheit angeht, sind Fanpages also nicht per se ein positives Gegenbeispiel. Denn Anhänger dieser Social Media Seiten sind selten außerhalb des Internets engagiert. Komplett ignorieren sollte man diese Social Media Kampagnen aber trotzdem nicht. Denn selbst wenn sie nicht die tatsächliche Meinungsverteilung und -stärke widerspiegeln, zeigen sie, an welchen Stellen Argumentationsbedarf besteht. Um tatsächlich Politikverdrossenheit abzubauen, muss Social Media als Plattform für den Austausch gesehen und auch genutzt werden. Die bloße Existenz einer Fanpage wird dazu nichts beitragen.

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Über Michael Söhn

Michael Söhn ist seit Oktober 2014 Werkstudent bei consense communications. Der Student der Kommunikationswissenschaft an der LMU München ist leidenschaftlicher Musiker und schreibt auf Netz-Reputation vor allem über Social Media Trends und Kampagnen. Seine Bachelor-Arbeit hat er in Zusammenarbeit mit consense zum Thema "Big Data als Chance für PR Agenturen" verfasst.
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