Social Media Wahlkampf: Obama siegt im Duell um User- und Wählerstimmen

Die USA haben ihren Präsidenten gewählt: Barack Obama freut sich über seine zweite Amtszeit und sein erster Dank erfolgte noch vor der offiziellen Ansprache über Twitter und Facebook. Im Rennen um‘s Präsidentenamt war Online Reputation Management ohne Frage ein entscheidender Faktor. 2008 entschied Barack Obama die Wahl zum US-Präsidenten für sich. Weil er und sein Wahlkampfteam erstmals Social Media professionell und erfolgreich in ihrer Kampagne einsetzten, ging das Wahljahr als „social media election“ in die Geschichte ein. Dass der Wahlkampf nicht nur an der Urne, sondern auch in sozialen Netzwerken stattfindet, erkannte auch Mitt Romney und rüstete sich mit einer professionellen Social Media Strategie. Beide Kandidaten präsentierten sich auf Facebook, Twitter und Co. Doch welcher der beiden hatte im Netz wirklich die Nase vorn? Ist Barack Obama auch der Social Media Sieger? Und wie wahlentscheidend sind soziale Netzwerke wirklich? Dazu nehmen wir die Facebook- und Twitter-Accounts der Kandidaten unter die Lupe und untersuchen den Social Media Freudentaumel nach dem Wahlergebnis heute Nacht.

Ein Facebook-Fan ist keine Wählerstimme

Theoretisch fragten sich die 167,5 Millionen US-Amerikaner, die auf Facebook aktiv sind: “commit to Mitt” oder “vote Obama”? Die Anzahl der Fans zeigt deutlich: Im Netz klicken beinahe 32 Millionen Menschen für Obama, während sich nur 12 Millionen User für Romney entscheiden. Für den amtierenden Präsidenten stimmten 2008 66 Prozent der 18- bis 29-jährigen US-Bürger. Nahezu 32 Millionen Fans sind ein gutes Vorzeichen für den gebürtigen Hawaiianer – schließlich sind es in der Regel junge Menschen, die vermehrt und regelmäßig in sozialen Netzwerken aktiv sind. Gerade junge User passen ihr Nutzungsverhalten dem sozialen Umfeld an. Da kann der Post eines Freundes schon meinungsbildend wirken. Trotzdem bedeuteten die spärlichen 12 Millionen Fans längst keine Wahlschlappe für Romney – schließlich sagt die Zahl der Fans nichts darüber aus, ob diese Menschen wählen dürfen oder überhaupt wollen: Ein Klick bei Facebook ist schnell erledigt und endet nicht automatisch als Kreuz in der Wahlkabine. Schließlich stehen den 150 Millionen amerikanischen Facebook-Usern nur 13 Millionen Wahlberechtigte gegenüber. Hinzu kommt: Bei Facebook kann die ganze Welt klicken, wählen aber nur die US-Bürger.

Abgesehen von den politischen Inhalten sind sich beide Facebook-Seiten erstaunlich ähnlich. Beide fordern die Bürger auf zu wählen, bedienen das Motiv des American Dream und lassen keine Seitenhiebe gegen den Gegner aus. Der tatsächliche Unterschied liegt in der Gestaltung der Seite. Obamas Bildsprache ist modern und stylish. Und er weiß, wie man im Netz spricht – in kurzen Sätzen, persönlich formuliert und emotional. So gelingt es ihm, traditionelle Motive der US-amerikanischen Kultur für die junge Zielgruppe zu transportieren.

Obama nutzt die Plattform, um Wähler mit seinen politischen Erfolgen zu überzeugen. Solcher Argumente kann Romney sich schlecht bedienen und nimmt daher die Misserfolge seines Kontrahenten ins Visier. Inhaltich und stilistisch fallen seine Posts wesentlich polemischer aus als die seines Gegners. Insgesamt wirkt das Profil Romneys – passend zu den Republikanern – konservativer als das des Demokraten Obamas. An Pathos fehlt es keinem der beiden. Religion und Familie sind entsprechend der politischen Kultur Amerikas wichtige Eckpunkte beider Facebookseiten.

Aber was sagen die User? Im Jargon von Social Media zögern viele nicht, öffentlich und unter eigenem Namen ihren Gefühlen Luft zu machen: So fordert ein User am Wahltag auf Romneys Pinnwand: „Never Vote for a TAX Cheat, a Mormon, a MORON, a WAR-Monger and a Flip-Flopping Liar like Romnesia, Very Scary and too Dangerous to America and the whole world! Yes to Four More Years, Obama-biden! Noch persönlicher und emotionaler kann ein Wahlkampf wohl kaum aussehen.

Was zählt, sind Retweets

Auch bei Twitter wurde mit harten Bandagen gekämpft. Zahlenmäßig macht auch dort wieder der Amtsinhaber das Rennen: Folgen Obama gut 21,7 Millionen Twitter-User, konnte Mitt Romney bisher nur 1,7 Millionen Follower gewinnen. Romney twittert am häufigsten politische Statements, die ausgehend von Versäumnissen Obamas in kurzer knackiger Twitter-Sprache Besserung unter Romney versprechen. Pikant: Im Sommer hatte Romney innerhalb eines Tages ganze 100.000 Follower mehr, die sich bald als Bots, also automatisch generierte Zugriffe von Computern, herausstellten. IT-Spezialisten schließen trotzdem nicht aus, dass es sich um gekaufte User handeln könnte. Der Amtsinhaber hingegen setzt auf eine emotionalere Strategie, twittert Bilder und spricht die User direkt an.

 

Der Social Media Wahlkampf beeinflusst die Abstimmung

Der Social Media Wahlkampf soll den Dialog mit dem Bürger demonstrieren. Wie persönlich der aber abläuft, ist nur wenigen Usern bewusst, denn jeder von ihnen hinterlässt seine Spuren im Netz. Davon ausgehend können beide Kandidaten die Bürger mit individuell zugeschnittener Wahlwerbung erreichen. Unabhängige Social Media Experten sahen deswegen auch Obamas Wahlkampf im Netz als potenzielles Zünglein an der Waage, das gerade in den Swing-States entscheidend sein könnte. Die Angst, voreilige Tweets über einen vermeintlichen Wahlausgang könnten das Abstimmungsverhalten der Wähler lenken, denn die Amerikaner stimmen je Bundesstaat zeitversetzt, hat sich bisher nicht bewahrheitet.

„Four more years“ für Obama

Obamas Sieg ist sicherlich auch seinem Social Media Wahlkampf zu verdanken. Dass er sich zuallererst mit dem Tweet „four more years“ bei seinen Anhängern bedankt, ist die logische Folge seiner Strategie im Kampf um die Wählerstimmen im Netz. Sein unkonventioneller Dank bescherte dem „Social Media Präsidenten“ einen neuen Rekord in der Geschichte Twitters: Seine Botschaft hat bis jetzt schon beinahe 500.000 Retweets, bei Facebook brachten es die lapidaren drei Worte auf unglaubliche 2 Millionen Likes. Mitt Romney postet jetzt auf Facebook ein Bild aus dem Wahlkampf, er umgeben von Anhängern und Stars and Stripes, darauf ein Dank und seine Unterschrift. Gerade mal 115.000 klickten bis jetzt „Gefällt mir“. Zum Post nehmen die User kein Blatt vor den Mund – hämische Kommentare schadenfroher Obama-Anhänger und Solidaritätsbekundungen der Romney-Unterstützer stehen dort Seite an Seite. Typisch für Social Media, jeder kann das loswerden, was er schon immer einmal sagen wollte. Bemerkenswert: Auch diffamierende Äußerung wie „You SUCK, Romney“, entfernen die Administratoren nicht. Aber genau so ist das Social Web, ehrlich, gnadenlos und absolut offen.

 

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