Alles klar? Verständlichkeit in Wort und Text

Teil 1: Rethorik-Check auf der Chefetage

Wir tun es täglich, stündlich, konstant. Ja, auch jetzt in diesem Moment. Kommunikation passiert überall und rund um die Uhr, bewusst und unbewusst. In der Kommunikationsbranche kommunizieren wir naturgemäß sehr gezielt: Was ist die Botschaft? Was ist die Story? Über welche Kanäle wird kommuniziert? Wer ist die Zielgruppe? Und ist der Inhalt spezifisch für diese aufbereitet?

Knapp daneben ist auch vorbei – Wenn Kommunikation nach hinten losgeht

Die Botschaft ist perfekt, die Empfänger bekannt. Trotzdem kommt die Message oft nicht wirklich beim Kunden an. Die Kommunikation scheitert kläglich. Wie beispielsweise bei diesem Kommunikationsdesaster bleibt von der eigentlichen Botschaft nichts mehr übrig. Im Gegenteil: Im Gedächtnis der Zielgruppe bleibt höchstens der Humorfaktor hängen. Und wer will schon nur als Witzfigur wahrgenommen werden?

                                Edmund Stoiber und der berüchtigte Transrapid

 

Wirklich erfolgreiche Kommunikation wird komplettiert durch eine ausschlaggebende Zutat: Verständlichkeit. WAS gesagt wird ist zwar wichtig. WIE es gesagt wird bestimmt aber, ob der Inhalt überhaupt beim Zuhörer ankommt. Und nur wer verstanden wird, kann auch Andere überzeugen.

Null Punkte auf der Verständlichkeitsskala für „diversifizierte Industriekonzepte“

Herr Stoibers Rede ist offensichtlich ein überspitztes Beispiel ultimativen Unverständnisses. Der „Politikjargon“ ist dennoch Paradebeispiel für nichtssagende Formulierungen und unverständliches Gestottere (siehe oben) – und durch die Fülle an öffentlich zugänglichem Redematerial lässt es sich leicht darüber lästern. Aber es sitzen mehr Menschen im Glashaus, als wir wahrhaben wollen: Verständlichkeitsprobleme sind weit verbreitet. So lässt zum Beispiel die Verständlichkeit von Banken und Top-Managern zu wünschen übrig. Prof. Dr. Frank Brettschneider und sein Team von der Universität Hohenheim beschäftigen sich intensiv mit der Verständlichkeit von Wort und Text in verschiedenen Gesellschaftsbereichen. Aktuelles Projekt ist u.a. die Analyse von Reden der CEOs der DAX-30-Unternehmen. Das Ergebnis ist ernüchternd. „Die Vorstandsvorsitzenden verspielen allesamt ihre Chance“, urteilt der Leiter des Fachgebiets Kommunikationstheorie Prof. Dr. Brettschneider, „Dabei ist das doch die Gelegenheit für sie, ihre Botschaften wirksam vor Aktionären und Journalisten zu platzieren.“ Aber statt Klartext, sprechen Deutschlands Top-Manager lieber von „Nettofinanzschulden“, „diversifizierten Industriekonzepten“ und „Deinvestitionsprogrammen“.

Zur Untersuchung der formalen Verständlichkeit von Textmaterial entwickelten Brettschneider und Team den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Dieser ermöglicht durch festgelegte Kriterien eine objektive Textanalyse und reicht von 0 (überhaupt nicht verständlich) bis 20 (maximal verständlich). Zum Vergleich: Doktorarbeiten in Politikwissenschaft haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 4,3. Die Politik-Beiträge in der Bild-Zeitung haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 16,8.

Souveräner Konzernlenker ist nicht automatisch Spitzen-Rhetoriker

Zurück zu unseren Top-Managern. Die Verständlichkeit ihrer Reden wurde vereinfacht auf einer Skala von 0 (so verständlich wie eine durchschnittliche Doktorarbeit) bis 10 (so verständlich wie Radio-Nachrichten) gemessen. Dank Satz-Ungetümen, Schachtelsätzen, Fachbegriffen, Anglizismen und Fremdwörtern kommt Telekom-Chef René Obermann mit gerade einmal 7,2 Punkte an die Spitze des Rankings und ist somit der gewandteste Redner unter Deutschlands führenden Wirtschaftsbossen. Schlusslicht ist Wolfgang Reitzle, der Vorstandsvorsitzende der Linde AG. Er schaffte nur einen einzigen Punkt auf der Hohenheimer Verständlichkeitsskala. Der Großteil der 30 analysierten Redner tummelt sich im unteren Mittelfeld und erzielten weniger als die Hälfte der erreichbaren Verständlichkeitspunkte. Das liegt jedoch nicht nur an der (fehlenden) sprachlichen Versiertheit auf Chefetage. Neben Persönlichkeit und Rethorikkünsten des Redners sind auch sprachliche Aufbereitung, Inhalt und die Branche ausschlaggebend für die Verständlichkeit einer Rede. So sind Jargon und Fachbegriffe eines Automobilherstellers deutlich bekannter und somit verständlicher als die eines Chemiekonzerns. Über Vierzylindermotoren lässt sich leichter referieren als über Monopropylenglycole. „Automobilhersteller haben den Endkunden im Kopf und eignen sich deshalb dessen Sprache an.“, erklärt Jan Kercher, Mitglied des Forschungsteams.

Wie löscht man das „Miss“ aus Missverständnis?

Trotzdem dürfen Vertreter anderer Branchen die Schuld an ihrer Miss-Kommunikation nicht allein darauf abwälzen. Mit einem professionellen Medien- und Rethoriktraining werden aus Schlauchsätzen und Kauderwelsch verständliche Beispiele und anschauliche Vergleiche. Einer starken Rednerpersönlichkeit fällt es viel leichter frei und damit einfacher zu reden. Andererseits müssen Reden inhaltlich und stilistisch perfekt ausgefeilt und geprobt werden. Der Gewinner des Verständlichkeits-Rankings Obermann kümmert sich persönlich darum: „Texte müssen leicht zu sprechen sein. Wenn ich beim Durchlesen hängen bleibe, stimmt etwas nicht“, sagt der Telekom-Chef über seine Vorbereitung. Gemeinsam mit zwei internen Spezialisten erarbeitet er die Hauptversammlungsrede und probt sie ausführlich. „Ich achte strikt auf eine klare, einfache Sprache, vermeide Anglizismen und erläutere Fachbegriffe, die sich dem Zuhörer nicht direkt erschließen.“

 

In den weiteren Teilen unserer Reihe zu Verständlichkeit in Wort und Text reden wir persönlich mit Prof. Dr. Frank Brettschneider über die Entwicklung seiner Verständlichkeitsskala und deren Anwendung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wir sprechen darüber, warum die Verständlichkeit von Texten immer wichtiger wird und zeigen welche Kriterien essentiell für erfolgreiche, unmissverständliche Kommunikation sind.

Über Annika Sickinger

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