Medienportal VOCER: Erst denken, dann reden

Gibt es so etwas wie eine „Slow Media Bewegung“? Wenn ja, dann kann VOCER als ihr deutscher Pionier verstanden werden. In dem journalistischen Tagesgeschäft geht es schnelllebig zu – online um so mehr. In der Medienbranche und in Zeiten von Social Media geht es darum, lautstark auf sich aufmerksam zu machen. Im Gegensatz dazu versteht sich das Medienportal VOCER als eine Plattform, wo entschleunigte, hintergründige Reflexion und Medienkritik stattfindet. Mit dem Slogan „Medien.Kritik.Debatte“ ist das Non-Profit-Portal am 31. Januar gestartet. Nach eigener Aussage finanziert es sich als erstes deutsches Internet-Projekt ausschließlich über Stiftungsgelder und Spenden. VOCER versteht sich als ein „unabhängiges Debattenforum“, ein „Think Tank“ für Medienkritik. Sorgfältig und tiefgründig sollen dabei Kritik, Analyse und Vision zusammengeführt werden.

VOCER pflegt Qualität und Quantität

Bewusst gibt VOCER längeren Beiträgen Raum und Zeit als Kontrast zur schnelllebigen Medienwelt. Thematisch befasst es sich mit dem aktuellen Medienwandel und seinen gesellschaftlichen Auswirkungen. Gebündelt in Themenschwerpunkten, sogenannten „Dossiers“, publiziert VOCER meinungsstarke und medienphilosophische Inhalte. Namenhafte Autoren aus Journalismus, Medienpolitik, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Kunst und Kultur kommen zu Wort. Bei den Beiträgen wird besonders auf die hohe fachliche Qualität der Inhalte, Analysen und Meinungen geachtet. Dabei wird bewusst in Kauf genommen, dass Tagesaktualität zweitrangig ist. Zudem verpflichten sich die Beitragenden zu Dialogbereitschaft, Nutzerorientierung und Internationalität. Weil man sich als Schnittstelle für Medienkritik im Netz versteht, ist VOCER publizistische Kooperationen u.a. mit Zeit Online und Sueddeutsche.de eingegangen.

Intellektuelle Qualität versus öffentliche Debatte?

Qualität verpflichtet. Und der eigens auferlegte Anspruch will erst einmal erfüllt sein. Ist das Selbstverständnis als „Debattenforum“ zwar gut gedacht, aber nicht gut umgesetzt? Das erfreulich hohe sprachliche und inhaltliche Niveau und die zelebrierte Langform der Inhalte machen klar, wer die Adressaten sind: Menschen, die Denkanstöße suchen und weiterdenken wollen. Doch eine ausgeprägte Diskussion entsteht kaum. Die meisten Artikel beschäftigen sich mit Grundsätzlichem und sind losgelöst von der Tagesaktualität. Nun kann man VOCER also eine Form der selbstreferentiellen Beschränkung vorwerfen. Das Portal liefert Fachbeiträge von Medienmachern aber keine Debatte. Doch letztlich ist solch ein Selbstbezug häufig das Ergebnis von dem Ideal der Qualität. Qualität, damit sie als solches gelten und erkannt werden kann, muss sich durch Selbstreferenz auszeichnen. Dabei verhält sich der intellektuelle Journalismus nicht anders als das in Disziplinen unterteilte Wissenschaftssystem. Wissenschaftliche Qualität wird darin allein durch Peer-Review sichergestellt.

Das gab es noch nicht

VOCER liefert etwas, das man so, zumindest im deutschsprachigen Raum, noch nicht gesehen hat. Das Netzportal versammelt kompetente Stimmen zum Medienwandel und macht daraus eine Art „modernes Kursbuch“ wie Gründungsmitglied Stephan Weichert es nennt. Kompetenz, Qualität und Quantität der Beiträge lassen VOCER eher zu einem Fach-Feuilleton denn einem Debattenportal werden. Vielleicht wirkt die Länge der Inhalte abschreckend auf Leser, die potenziell eine Diskussion anstoßen würden. Der eigens geschaffene Anspruch könnte hier zu hohe Hürden für die wechselseitige Kommunikation aufgebaut haben. Oder aber VOCER hat (noch) nicht die kritische Masse an Lesern erreicht, damit es zu einem regen Austausch von Meinungen kommen könnte. Fach-Feuilleton ohne Debatte entspricht nun nicht 100%ig der Selbstbeschreibung von VOCER, aber „gescheitert“ ist das Portal bei Weitem nicht.

Im Gegenteil: Es ist eine Bereicherung für die Medienkritik und zudem ein großer Pool zitierfähiger Quellen. Wer genügend Zeit und Muße mitbringt, kann aus diesem Pool interessante Denkanstöße, Analysen und Meinungen schöpfen. In Zeiten, wo Social Media zu einer bestimmenden Größe in der Online- (und mittlerweile auch offline-)Welt gehört, werden Meinungen rasant und häufig unreflektiert „geliked“ oder „geshared“. Erst denken, dann reden – diesen Leitspruch zu beherzigen schadet auch in unserer beschleunigten Zeit nicht. Dabei hilft VOCER.

Das Beste zum Schluss

Zum Schluss mein persönliches „Schmankerl“ bei VOCER. Gender Studies erleben momentan einen regelrechten Boom, obwohl Feminismus schon für tot erklärt wurde. Anti-Feminismus breitet sich im öffentlichen Raum aus und Geschlechter-Fragen erregen wie schon lange nicht mehr die Gemüter. In diesen Zeiten befasst sich die freiberufliche Autorin Kathrin Schuster mit Männern und Frauen in den Medien. Die Kolumne „Röcke wie Hosen“ analysiert die Bilder von den Geschlechtern, die die Medien zeichnen, um sie „an den Mann“ oder „die Frau“ zu bringen. Klug, witzig und mit viel Verstand stößt uns die Autorin auf relevante Gender-Fragen in der Medienwelt. Dabei wird viel gelernt, der Kopf geschüttelt, aber auch gelacht. Lesenswert ist die Kolumne in jedem Fall – genau wie die anderen Inhalte von VOCER.

Über Laura Trachte

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