Von Facebook zum Gesichtsbuch – Jeder weiß, was du letzten Sommer getan hast

Wer nach dem 07. Juni Fotos auf Facebook hochladen wollte – und das sind bei 750 Millionen Usern (Stand August 2011) über 250 Millionen Bilder – stolperte unwillkürlich über Facebooks neustes Feature : Die Gesichtserkennung.

Gesichtserkennung soll das Taggen auf Facebook erleichtern

Die Gesichtserkennungs-Software "identifiziert" Gesichter

Sie sollte eigentlich nur das Taggen auf Fotos vereinfachen. Doch die automatische Gesichtserkennung  wurde von vielen nicht als Hilfe, sondern als störend empfunden. Die Keyphrase „Facebook Gesichtserkennung deaktivieren“ erzielt bei Google fast 5 ½ Millionen Suchergebnisse.

Ob hilfreiches Tool oder nervendes Feature- wer weiter denkt stößt unwillkürlich auf die Frage: Wie viel Anspruch auf mein eigenes Gesicht habe ich? Kann bald jeder anhand eines Schnappschusses von mir meine persönlichen Informationen einsehen?

 

Identifikation mit Hilfe von Gesichtserkennung ist technisch möglich

Technisch sei das bereits möglich, sagen die Forscher Alessandro Acquisti, Ralph Gross und Fred Stutzman. Die Wissenschaftler der Carnegie Mellon University haben jetzt mit Hilfe der Software pseudonyme Nutzer eines Flirtportals identifiziert. Ganz simpel, durch einen Abgleich mit Facebook-Profilfotos, ermittelten sie die echten Namen der User. Das Experiment der Forscher zeigt die einfache technische Umsetzbarkeit von Informationsbeschaffung mit Hilfe von Gesichtserkennung und rückt Augmented Reality-Zukunftsszenarien in greifbare Nähe. Schluss mit Pseudonymen, beschönigten Angaben und dem Schutz durch Anonymität.

Experimente mit Gesichtserkennungs-Software: Augmented Reality rückt näher

Die vorläufigen Forschungsergebnisse der Gesichtserkennungs-Experimente machen deutlich: Es ist nur eine Frage der Zeit, nicht der technischen Möglichkeit, bis Gesichtserkennung in unseren Alltag einzieht. In ihrem Experiment glichen Acquisti und Gross unter Pseudonymen geführte Flirtportal-Profile mit öffentlich zugänglichen Facebook-Profilen ab. Eine Standard-Gesichtserkennungssoftware untersuchte 5818 Profile von Mitgliedern einer Stadt in Nordamerika auf Übereinstimmungen. Zu 13,9 Prozent der Datingprofile fand die Software ein Facebook-Profil mit einem ähnlichen Portraitfoto. Um an die Profilbilder und Namen zu kommen, muss man nicht eingeloggt sein: Sie werden von Facebook immer als öffentlich behandelt und sind für jeden Internetnutzer zugänglich. Erstaunlich ist dabei, dass das vielen Facebook-Usern nicht bewusst ist. Nach der Studie von Acquisti und Co. benutzen 84% der Befragten ein echtes Foto von sich als Profilbild.

Profilfotos auf Facebook sind öffentlich – perfekte Datenbank für Gesichtserkennungs-Software

Unser Gesicht ist nicht nur Erkennungsmerkmal, sondern unmittelbarer Teil unserer Identität. Nicht nur im echten Leben sind alle Informationen über uns damit verknüpft – auch Informationen des Facebook-Profils sind untrennbar an unsere Gesichtszüge gebunden. Profile auf Social Media Plattformen sind Spiegel unserer Identität im Netz. Soziale Netzwerke, Beziehungen und mehr lassen sich abbilden, organisieren, verändern. Doch bisher konnten wir selbst entscheiden, wie viel wir preisgeben wollen und wer welche Informationen über uns hat. Der Chef bekommt eine andere Seite der Persönlichkeit zu sehen, als vielleicht der beste Freund – vorausgesetzt man weiß die Facebook-Privatsphäre-Einstellungen zu bedienen. Wir hatten die Wahl (und den Reiz), unser ‚wahres‘ Gesicht zu zeigen oder nicht.

Augmented Reality ist das Aus für Anonymität

Unsere Anonymität, sowohl auf offener Straße, als auch im Internet, wird immer mehr eingeschränkt wenn Online- und reale Welt zunehmend verschmelzen. Augmented Reality nennt sich die Vision einer online-gestützten, erweiterten Realität, in der Internet vollständig in den Alltag integriert ist. Online-Informationen sind jederzeit von jedem in Echtzeit abrufbar. Wann kommt die nächste Bahn und kann ich gleich ein Ticket kaufen? Welche gemeinsamen Freunde habe ich mit dem Menschen, der mir in der Bahn gegenübersitzt? Wie heißt das Gebäude an der Straßenecke und wer wohnt darin? Augmented Reality soll das Leben der Nutzer vereinfachen – und bietet dabei eine neue, extensive Plattform für B2C- und B2B-Kommunikation. Für Datenschützer ist diese rund-um-die-Uhr-Informationsflatrate ein rotes Tuch. Ein „gläserner Bürger“, der schon mit Hilfe einer einfachen iPhone-App jederzeit identifiziert werden könnte? Augmented Reality stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten – die Google Street View Debatte war ein Vorbote und lässt erahnen, auf welchen Widerstand Entwickler stoßen werden. „Die automatische Gesichtserkennung ist ein schwerer Eingriff in das informationelle Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen“, sagt Hamburgs Landesdatenschützer Johannes Caspar.

Augmented Reality mit Gesichtserkennung massentauglich gemacht

Die Idee von Augmented Reality ist nicht neu und auch Gesichtserkennungs-Softwares werden bereits von Facebook, Apple und Google auf ihren Foto-Plattformen extensiv eingesetzt. Warum also jetzt die Studie?

„Indeed, in recent times, Google has acquired Neven Vision, Riya, and PittPatt and deployed face recognition into Picasa. Apple has acquired Polar Rose, and deployed face recognition into iPhoto. Facebook has licensed Face.com to enable automated tagging. So far, however, these end-user Web 2.0 applications are limited in scope: They are constrained by, and within, the boundaries of the service in which they are deployed. Our focus, however, was on examining whether the convergence of publicly available Web 2.0 data, cheap cloud computing, data mining, and off-the-shelf face recognition is bringing us closer to a world where anyone may run face recognition on anyone else, online and offline – and then infer additional, sensitive data about the target subject, starting merely from one anonymous piece of information about her: the face.”

Augmented Reality UND angemessener Datenschutz – geht das?

Die Forscher arbeiten momentan an einer Smartphone-App, die zu einem aufgenommenen Foto Informationen aus dem Web liefert. Die Online-Riesen sind mit ihren Zukäufen im Bereich Gesichtserkennungs-Software bestens ausgerüstet. Wir steuern schnellen Schrittes auf eine erweiterte Realität zu – so weit, dass jeder sofort alles über uns herausfinden kann. Nicht nur für Datenschützer ist das eine beängstigende Vorstellung. Natürlich ist niemand gezwungen, online Informationen preiszugeben. Nüchtern betrachtet ist es heutzutage und in Zukunft aber unrealistisch, ausschließlich offline unterwegs zu sein. Wie können wir uns also schützen? Im Netz kursieren bereits Schminktipps, die die Gesichtszüge anders erscheinen lassen sollen; es wird dazu geraten, das Profilbild leicht zu verzerren um den Algorithmus der Software auszutricksen; besorgte Mütter rufen zum Facebook-Boykott auf. Von begründeten Bedenken ist es im Netz – dem Schneeballeffekt sei Dank –ein kurzer Weg zur Paranoia-artige Panikmache. Die Wissenschaftler sagen: Umkehren geht nicht. Vielmehr muss nun nach neuen Lösungen gesucht werden.

„There is no obvious answer and solution to the privacy concerns raised by widely available face recognition and identified (or identifiable) facial images.

Other than adapting to a world where every stranger in the street could predict quite accurately sensitive information about you […], we need to think about policy solutions that can balance the benefits and risks of peer-based face recognition.“

 

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Von Annika Sickinger

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