Bud-Spencer-Tunnel: Schwäbisch Gmünd zwischen Krisen-PR und Social Media Shitstorm

Der Schwäbisch Gmünder Gemeinderat will sich modern und fortschrittlich präsentieren. Zur Namensgebung eines Tunnelneubaus bietet er eine Online-Wahl an. Auf die Vorschlagsliste schleicht sich auch der „Bud-Spencer-Tunnel“, der von der Facebook Gemeinde zum Sieger gemacht wird. Die Stadt rudert jedoch auf einmal zurück, die Wahl sei nur ein Meinungsbild, man müsse erst mal sehen wie der Tunnel nun heißen soll. Der politische Vorstoß ins Web 2.0 droht in einem Social Media Shitstorm zu (g)münden.

Ein Tunnel für Bud Spencer

Das Regierungspräsidium Stuttgart hat gemeinsam mit der Stadtverwaltung Schwäbisch Gmünd bei der Namensfindung für das Tunnelbauwerk der B 29 in Schwäbisch Gmünd entschieden, die Bürgerinnen und Bürger mit einzubinden. Mit dieser Namensgebung soll die besondere Verbundenheit der Stadt zu diesem Bauwerk dokumentiert werden.

Was die Stadtverwaltung Schwäbisch Gmünd dort etwas schwurbelig verkündet, entwickelt sich derzeit zum PR-Desaster samt Social Media Shitstorm. Das Wichtigste in Kürze: In Schwäbisch Gmünd wird ein Tunnel gebaut. Anstelle das Ding jetzt „B 29-Tunnel“ zu nennen, kam man im Stadtrat auf die Idee, die Bevölkerung solle den Namen vorschlagen und darüber abstimmen. Hunderte Möglichkeiten wurden eingereicht, absurde aussortiert und 83 Vorschläge standen zur Wahl. Darunter auch der „Bud-Spencer-Tunnel“, den die Internetgemeinschaft als ihren Favoriten auserkoren hatte. Der Bud-Spencer-Tunnel gewann die Abstimmung landrutschartig. (Offizielle Ergebnisse werden morgen präsentiert.)

Bud Spencer Fans nutzen Social Media, um ihr Idol zu würdigen

Organisierte Bürgerpartizipation auf Facebook

Organisierte Bürgerpartizipation auf Facebook

Uns ist nicht bekannt, wer den ursprünglichen Vorschlag zum Bud-Spencer-Tunnel bei der Stadt einreichte. Benedikt Elser allerdings trat den Hype los. Der 21-Jährige wurde von einem Freund auf die Wahl aufmerksam gemacht. Elser, selbst großer Bud Spencer Fan, erstellte auf Facebook eine Veranstaltung (für den Zeitraum der Wahl), in der er dazu aufrief, für den Vorschlag „Bud-Spencer-Tunnel“ zu stimmen. Die Schnittmenge Social Media affiner Internetnutzer und der Fangemeinde des alten Italowesternhelden ist scheinbar riesig: Bis jetzt nehmen knapp 70.000 Facebook User an der Veranstaltung teil, 220.000 weitere sind eingeladen. Es dauerte nicht lange, bis eine kritische Masse erreicht war. Voting und Facebook Veranstaltung starteten am 18. Juli, am 20. berichteten die ersten „großen“ Medien über das „Bud Spencer-Dilemma“.

Verkorkste Krisen-PR der Stadt Schwäbisch Gmünd

Moment! Warum Dilemma? Nun ja, die erste offizielle Reaktion der Stadt fiel so aus:

„Es war immer klar, dass die Abstimmung nur ein Meinungsbild liefern soll. […] Der Name sollte nicht per Online-Wahl gefunden werden.“

Also, die Stadt ruft zur Bürgerpartizipation auf, weiß aber im Vorhinein, dass man das Ergebnis der Umfrage tunlichst ignorieren wird, um doch lieber einen der eigenen Vorschläge zu nehmen. Ahja. Allein dieser Kommentar zeigt schon, dass die Stadt „das Internet“ nicht versteht. Denn damit gießt man nur noch mehr Öl ins Feuer: Zu den eigentlichen Bud Spencer Fans und der Spaßfraktion(die, die einfach mal so abstimmen) kam jetzt noch eine Dritte Gruppe hinzu: Viele Voter werden sich beteiligt haben, weil sie eine Fehleinschätzung der Stadt gesehen haben, bzw. die Gefahr, dass eine (seltene) Möglichkeit der Bürgerpartizipation im Keim erstickt wird, wie Anna Göttel anmerkte.

Bud Spencer in Schwäbisch Gmünd

Carlo Pedersoli war vor seiner Filmkarriere Profischwimmer

Carlo Pedersoli war vor seiner Filmkarriere Profischwimmer

Vom Unsinn dieses „bedeutunglosen Meinungsbildes“ einmal abgesehen: Warum stand der „Bud-Spencer-Tunnel“ überhaupt zu Wahl, wenn man „absurde Vorschläge“ bereits aussortiert hatte? Suggeriert diese Formulierung nicht, dass eine Benennung des Tunnels nach dem Schauspieler für den Gemeinderat denkbar wäre? Die Sinnhaftigkeit der Voschläge sollte durch einen Ortsbezug gegeben sein. Doch auch den können die Bud Spencer Fans liefern. Bevor Carlo Pedersoli unter dem Künstlernamen Bud Spencer in Filmen Bösewichte mit seinen patentierten Doppelwatschen verdrosch, war er u.a. Profischwimmer und nahm zwei mal an den Olympischen Spielen teil. 1951 brachte ihn der Sport auch nach Schwäbisch-Gmünd, wo er in einem Länderwettbewerb Deutschland-Italien antrat.

Social Media Gemeinde entlädt Ärger über Gemeinderat

1957 beendete Pedersoli im Alter von 27 Jahren seine Schwimmkarriere und widmete sich bald darauf der Schauspielerei. (Zwischendurch schloss er ein Jura-Studium ab und ließ sich tatsächlich einige Erfindungen patentieren.) Über Jahrzehnte wirkte er in unzähligen Filmen mit und erreichte in Deutschland, dank seiner Italowestern mit Terence Hill, Kultstatus. Seine Fans wollen ihm mit dem Tunnel nun ein Denkmal setzen. Dementsprechend negativ fallen die Kommentare auf die Reaktion der Stadt aus. Auf der Facebook Eventseite entrüstet man sich über die Vorgehensweise des Gemeinderats. Aber auch in anderen Foren wird seitenlang über den Imageschaden der Statdt diskutiert, sollte man sich nun dem Willen der Bevölkerung verschließen. Auch die Spaßfraktion war indes nicht untätig und hat sich u.a. einen Bud-Spencer-Tunnel Song ausgedacht:

Fazit

Morgen wird im Gemeinderat der Stadt Schwäbisch Gmünd über die Namensgebung des neuen Tunnels diskutiert und eine Empfehlung an das Regierungsgremium weitergeben. Entweder man beugt sich der Mehrheit, muss aber auf den favorisierten „Staufer-Tunnel“ und damit den historischen Bezug zur Region verzichten. Oder man entscheidet (scheinbar) über den Kopf der Bevölkerung hinweg. Durch ist das Thema dann allerdings noch nicht. Gestern fand bereits die erste (Montags-)“Demo“ in Schwäbisch Gmünd statt. 300 Bud Spencer-Fans(/Schaulustige) demonstrierten für eine Entscheidung zugunsten des Bud-Spencer-Tunnels. Mit Spannung wird nun der Gemeinderatsbeschluss erwartet. Der Social Media Shitstorm droht in die zweite Runde zu gehen.

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Von Sebastian Kahl

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