Social Media Revolution in Spanien

Spanien steht kurz vor einer sozialen Revolution und kaum jemand nimmt Notiz davon. Ist ja auch viel los in der Welt derzeit: Das Frühjahr 2011 stand politisch ganz im Zeichen der arabischen Revolutionen von Marokko bis zum Jemen. Dann kam Fukushima und momentan wird mit Dominique Strauss-Kahn eine neue mediale Sau durch die  Pressedörfer getrieben. Da kann es schon mal vorkommen, dass man eine Revolution verpasst. Seit vergangenem Sonntag, den 15. Mai protestieren landesweit zehntausende Aktivisten gegen die politischen Zustände im Land. Als Informationsquellen und Organisationstools werden fast ausschließlich die Social Media Kanäle Facebook und Twitter herangezogen. Wer hat die Informationshoheit? Social Media oder die herkömmlichen Medien?

Stell dir vor es ist Revolution und keiner berichtet darüber

Das Logo von democracia-real-ya

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Selbst als aufmerksame Beobachter der Medienlandschaften hätten wir beinahe die größten Proteste in der jüngeren Geschichte des Landes verpasst. Die Spanische Revolution ist seit vergangenem Sonntag ins Rollen geraten. Das Medienecho geht immer noch gegen null. In Deutschland berichtete die linksorientierte taz als einzige überregionale Tageszeitung über die Unruhen in Spanien. Das Blog Spreeblick widmete sich bereits am Dienstag dem Thema. Nicht einmal innerhalb der spanischen Medienlandschaft interessierte man sich besonders für die Bewegung Democracia real YA (“echte Demokratie jetzt”). Dieser heterogene Zusammenschluss aus Studenten, Intelektuellen, Arbeitern, Anwälten, allen möglichen Bevölkerungsgruppen, umfasst das gesamte politische Spektrum. Einzig die Unzufriedenheit mit der politischen Konstitution des Landes eint sie. Spanien gilt als einer der größten Verlierer der globalen Finanzkrise. Dabei waren die Iberer schon zuvor durch das Platzen der großen Immobilienblase krisengeschüttelt. Die Abeitslosigkeit ist hoch (ca. 20 Prozent), bei den unter 25-Jährigen liegt sie sogar bei etwa 40 Prozent. Die Wut der Demonstranten richtet sich konkret gegen die beiden vorherrschenden Volksparteien, die sozialistische PSOE und die konservative Volkspartei PP. Beide Parteien haben zusammengenommen über 95 Prozent der Mandate im Parlament inne. Viele Spanier wollen die Zwei-Parteien-Herrschaft nicht mehr hinnehmen.

Die Social Media Revolution

Seit Anfang der Woche wird einer der größten öffentlichen Plätze von Madrid, der Campo del Sol von tausenden empörten Demonstranten besetzt. Dazu wurde ein provisorisches Camp eingerichtet. Die Proteste haben sich im Verlauf der Woche im ganzen Land ausgebreitet. Organisationskommittees wurden in Barcelona, Alicante, Santiago und Lanzarote gebildet. Das bedarf viel logistischen und organisatorischen Aufwand. Einmal mehr zeigt sich, dass Social Media Plattformen geeignete Kanäle für die Steuerung von Revolutionen sind. Die Facebook-Gruppe Democracia real YA hat bereits über 150.000 Mitglieder, Tendenz wachsend. Auf der Seite finden sich neben tausenden Protest-Posts, Informationen zu geplanten Demonstrationen, Diskussionen von Planungsgruppen, Videos und ein Manifest der Protestbewegung (hier die deutsche Übersetzung).

Twitter als Informationskanal der spanischen Revolution

Twitter ist das zweite Standbein der spanischen Social Media Revolution. Rafael Wefers Vérastegui, halb Deutscher halb Spanier, ist der Motor der Twitter-Community. Unermüdlich postet er im 5 Minuten-Takt die neuesten Entwicklungen der Bewegung. Über die Hashtags #spanishrevolution, #15m #15mani und #acampadasol kann man sich trotz der mageren Informationsversorgung der konvetionellen Medien auf dem Laufenden halten. Die Protestwelle soll noch mindestens bis zum kommenden Sonntag, den 22. Mai aufrecht erhalten werden. An diesem Tag finden landesweit die Kommunal- und Regionalwahlen statt. Ziel ist es zunächst, den beiden großen Parteien einen Denkzettel zu verpassen. Längerfristig erhoffen sich die Social Media-affinen Revolutionäre jedoch nachhaltige Veränderungen in der Gesellschaft und der Politik. Ob der Social Media-Vernetzung ausreicht, um wirklich eine Revolution vom Zaun zu brechen, kann man noch nicht vorhersehen. Ohne den Zusammenschluss über Facebook und Twitter wäre die Bewegung wohl nur ein winziger Tropfen auf dem heißen Stein. Mal sehen, ob wir in der Tagesschau in den nächsten Tagen von spanischen Protesten hören werden.

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von Lars Wich

14 Kommentare

Mattes20.05.2011 um 08:37 Uhr

cooler artikel, danke.
Ich habe selbst von 05 bis 09 in Spanien gelebt und michdie ganze Zeit gefragt, wann denen diese ganze Immoblase um die Ohren fliegt.
BTW, m.W. wurde das Platzen der Immoblase von der Finanzkrise 2007 getriggert.
Meine Nachbarin damals hat mir Ihr Reihenhaus (übelster Bauqualität, ohne jegl Isolierung) mit 300qm für 750T€ angeboten. Momentan ist es im Netz für 490.T€ weiterhin unverkauft (und auch 300T€ ist es nicht wert.)

Kleine Korrektur: der 4. hashtag lautet #acampadasol (zu Beginn ein “a”)
weitere wichtige hashtags: #nonosvamos (wir gehen nicht)
und #nolesvotes #nolesvoto (wähl Sie nicht bzw Ich wähl Sie nicht)

Lars Wich20.05.2011 um 09:46 Uhr

Hallo Mattes,

danke für das Lob, und danke für den Hinweis. Hashtag ist korrigiert.
Das sehe ich ähnlich. Rein marktwirtschaftlich gesehen wurde es geradezu darauf angelegt, dass der Immobilienmarkt irgendwann implodiert. Finanzierung nur auf Schuldenbasis zu betreiben, kann auf Dauer nicht gut gehen. Die Erfahrung hat die USA ja auch schon schmerzlich gemacht, dort herrschte wenigstens ein anderes Verständnis von Immobilität bzw. Mobilität.
Wir wünschen uns mehr so aufmerksame Leser!

[...] In diesen Tagen liesst man wieder viel über Revolution, die von der Presse links liegen gelassen und ausschließlich über Twitter und Facebook organsiert werden. Diese sogenannten Twitter- oder Facbookrevolutionen bewiesen außerdem, also außer dass es in einigen Ländern viele unzufriedene Menschen gibt, dass social media nun die Informationshoheit übernommen habe. [...]

Aktuelles 20. Mai 201120.05.2011 um 13:49 Uhr

[...] Social Media Revolution in Spanien "Einmal mehr zeigt sich, dass Social Media Plattformen geeignete Kanäle für die Steuerung von Revolutionen sind. Die Facebook-Gruppe Democracia real YA hat bereits über 150.000 Mitglieder, Tendenz wachsend." [...]

Armin20.05.2011 um 14:44 Uhr

Wow, 150,000 Mitglieder in einer Facebook Gruppe, beeindruckend!

Ahem.

Das sind 0.33% der Bevoelkerung (46m) oder 0.52% der Internetnutzer (29m). Ich habe mir sagen lassen das Stadion des FC Barcelona fasst 98,000 Zuschauer, ich glaube das ist fast immer ausverkauft. Und das ist nur ein Stadion.

Klar, alle Revolutionen haben mal klein angefangen, aber bei solchen Zahlen habe ich doch so meine argen Zweifel…

Lars Wich20.05.2011 um 14:53 Uhr

Hallo Armin,

da magst du Recht haben das 150.000 Gruppen-Mitglieder schon überboten wurden. Aber das ist ja auch nicht die Aussage des Artikels. Erstaunlich ist einfach, dass sich mehrere Tausend Leute versammeln und protestieren, aber von den herkömmlichen Medien (zumindest bis heute) vollkommen ignoriert werden und so auf das Internet setzen. Diese Vernetzung vereinfacht die Organisation und beschleunigt die Kommunikation ungemein. Deshalb ja auch unser Interesse an dem Thema: Online-organisierte politische Partizipartion gehört bis dato noch nicht zum Alltag unser abendländischen Kultur.
Aber, vielen Dank für den Dankanstoß!

Joaquin21.05.2011 um 17:39 Uhr

Diese Demonstrationen als Revolution zu bezeichnen, halte ich dann doch für etwas vermessen.

[...] lediglich ein Smartphone und eine Internetverbindung sind notwendig. Im arabischen Raum und jetzt gerade in Spanien organisieren sich auf diese Weise Massenproteste mit teils revolutionärem Charakter. Die [...]

Lippe23.05.2011 um 10:51 Uhr

Lieber Joaquin,

im rein etymologischen Sinne gebe ich dir natürlich recht. Die spanischen Demonstrationen werden höchstwahrscheinlich nicht dazu führen, dass das politische System des Landes völlig erneuert wird. Punkt für dich!
Allerdings haben die Proteste dazu geführt, dass die spanischen Sozialisten eine der größten politischen Niederlagen ihrer Parteigeschichte hinnehmen mussten. Diese steht mit Sicherheit im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen. Für die innenpolitischen Verhältnisse ist die Democracia real YA damit durchaus ein revolutionärer Wendepunkt.

Armin23.05.2011 um 14:29 Uhr

Liebe(r) Lippe,

aehm, und wer hat gewonnen? Die Konservativen.

Ich glaube nicht das ist es was die Demonstranten wollten. Von einer Revolution ist das meilenweit entfernt.

Lippe23.05.2011 um 14:58 Uhr

@Armin:
Ihr Maximalziel haben die Demonstranten sicherlich nicht erreicht. Aber bei einer Wahlbeteiligung von etwa 35 Prozent haben sie ihr Motto “Wählt keine der großen Parteien!” relativ gut umgesetzt. Dass der Wähler dann eher die regierende Partei abstraft als die Opposition ist ein nachvollziehbarer Reflex, vor allem wenn es keine relevante dritte politische Kraft gibt.
Ok, über das Label “revolutionär” lässt sich streiten, aber den Namen “Spanische Revolution” hat sich die Bewegung ja auch selber gegeben.

[...] Democracia Real YA! (real democracy now!), a grassroots movement and one of the organizers of the demonstrations, has created pages on Facebook which have now more than 350 000 members. And there are many more pages to support the protests, even from foreign cities like Sydney, London, Brussels or Hamburg. Also Twitter is keeping the people informed. According to El Movimiento 15-M crece espectacularmente con las redes sociales como caldo de cultivo, in the central hours there are up to 500 tweets per hour concerning the subject. And Rafael Wefers Vérastegui, the leader of the Twitter community, tweets every five minutes some news about the Spanish Revolution, according to Lars Wich on Social Media Revolution in Spanien. [...]

[...] Democracia Real YA! (real democracy now!), a grassroots movement and one of the organizers of the demonstrations, has created pages on Facebook which have now more than 350 000 members. And there are many more pages to support the protests, even from foreign cities like Sydney, London, Brussels or Hamburg. Also Twitter is keeping the people informed. According to El Movimiento 15-M crece espectacularmente con las redes sociales como caldo de cultivo, in the central hours there are up to 500 tweets per hour concerning the subject. And Rafael Wefers Vérastegui, the leader of the Twitter community, tweets every five minutes some news about the Spanish Revolution, according to Lars Wich on Social Media Revolution in Spanien. [...]

tobias31.05.2011 um 16:20 Uhr

Hallo,

wir können Euch nur Recht geben! Es ist eine Schande, dass unwichtige Themen wie der Kachelmann-Prozess unsere Nachrichte beherrschen. Kaum eine große Tageszeitung oder Rundfunkanstalt berichtet über die #spanishrevolution. Wir werden das Gefühl nicht los, dass dieses Thema ganz bewusst in Deutschland tot geschwiegen wird.

Nach vielen Gesprächen mit spanischen Bloggern haben wir uns tiefgründig mit dem Thema beschäftigt und uns dazu entschlossen, eine Social Media Analyse über die politischen Geschehnisse in Spanien durchzuführen. Ihr findet unseren Artikel “Analyse über den Einfluss von Social Media auf die spanische Revolution 2011″ auf

http://tobesocial.de/blog/blog/analyse-social-media-revolution-spanien-15demayo-democracia-real-ya-acampadasol

Viele Grüße

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