Online Reputation im Drogenkrieg 2.0

Hinweis: Die Bilder auf dem verlinkten Blog zeigen teilweise extrem brutale Szenen. Ansicht auf eigene Verantwortung!

Mexiko versinkt im Drogensumpf

Im blutigen Drogenkrieg Mexikos hat sich ein Blog zum medialen Sprachrohr und Online Reputation Instrument der Kriegsteilnehmer entwickelt. Die Reichweite des Blog del Narco ist inzwischen enorm. Blutig und unzensiert bekommt eine ganze Nation einen Eindruck vom grausamen Alltag des Kampfes zwischen Drogenkartellen und staatlichen Ordnungshütern. Die Grenze zwischen Kriegsberichterstattung und Propaganda ist fließend und alle Kriegsparteien nehmen ihre Online Reputation aktiv in die Hand.

Online Reputation Management für alle Kriegsparteien

Angefangen hat alles mit einem verwackelten Video einer Schießerei zwischen zwei Drogenbanden, irgendwo in der mexikanischen Wüste. Inzwischen findet man auf dem Blog del Narco mehrere hundert Artikel, Videos und Kommentare zum Thema Drogenkrieg. Veröffentlicht wird alles, was hochgeladen wird. Egal ob von Seiten der Justiz oder von den Drogengangs. Zensur kennt das Blog nicht. Genau diese Rahmenbedingen machten aus dem “Blog del Narco” eine hochpolitische Propagandaplattform, in der eine mediale Schlacht um die bessere Online Reputation ausgefochten wird. Einerseits spannen die Drogenkartelle das Blog für ihre Zwecke ein. Mal sind es Videos von Enthauptungen, mal Drohungen gegen Rivalen. Aber auch das Geburtstagsfest der Tochter eines Drogenbarons inklusive regionaler Prominenz wird fürs Online Reputation Management ausgeschlachtet. Gleich darunter, ein Post der Polizei: Bilder einer Razzia zeigen konfiszierte Waffen, Drogenfunde und in Handschellen abgeführte Gangster.

Online Reputation des Blogs ersetzt journalistische Meinungsbildung

Der Kampf gegen die Drogenkartelle findet auch online statt

Mexikanische Polizeitruppen vor einer Razzia

Neugierde, eine natürliche Grundeigenschaft eines guten Journalisten, ist eine gefährliche Tugend geworden. Seit dem Amtsantritt von Präsident Caldéron vor vier Jahren gelten ein gutes Dutzend Journalisten als vermisst, über 40 wurden ermordet. Dies führte dazu, dass die Berichterstattung über den Drogenkrieg allmählich wegen Selbstzensur und Befangenheit versiegt. Das Narco-Blog füllt eine entstandene Informationslücke. Seit März 2010 online, wird das Blog anonym betrieben. Vor kurzem nahm eine Presseagentur mit dem Gründer Kontakt auf, ein Informatikstudent, Anfang 20. Er habe das Blog aus Langeweile betrieben, brauche aber mittlerweile einen Mitarbeiter und mindestens vier Stunden pro Tag, um das Blog zu verwalten. Bewertet wird nicht, nur dokumentiert: “Wir wollen keinen Ärger mit den Kartellen”, sagte der Betreiber der Agentur AP. “Wir sagen nicht, dass eine Gruppe die Bösen sind.”

Online Reputation über anonyme Propagandaplattform

Die Anonymität ist eine Art Lebensversicherung für den jungen Blogger. Die Kontrolle über das Blog und somit das unzensierte Online Reputation Management dürfte den Kriegsteilnehmern einiges Wert sein. Der Staat nutzt das Blog nicht nur, um seine Online Reputation aufzubessern, sondern auch als Informationsquelle. Das Verteidigungsmimisterium, der Präsident und sogar CNN folgen dem Blog auf Twitter. Mindestens einmal haben Hinweise in Blogartikeln zu einer Verhaftung geführt: Im Juni werden schwere Vorwürfe gegen eine Gefängnisleiterin erhoben. Sie habe Insassen mit Waffen und Autos ausgestattet und sie als Killerkommando auf Kartell-Mitglieder angesetzt. Die Hinweise erwiesen sich als wahr, die Gefängnisdirektorin muss sich nun strafrechtlich verantworten.

Gesteuerte Online Reputation oder gelebte Pressefreiheit?

Aus journalistischer Sicht ist das Blog del Narco ein zweischneidiges Schwert. Das Portal lebt eine Informationsfreiheit vor, wie sie in dem Kontext des Drogenkrieges  nicht mehr existiert. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wo das Recht auf ungefilterte Information endet und der Schutz von Privatpersonen beginnt. Außerdem handelt es sich aussschließlich um anonyme, nicht nachvollziehbare Quellen. Der Propaganda-Charakter der Beiträge ist unübersehbar. Das bessere Online Reputation Management hat, wer die spektakulärsten Beiträge veröffentlicht. Der Leser muss selber entscheiden, wer die glaubwürdigere Online Reputation aufgebaut hat. Da beide Seiten rege Aktivitäten vorzuweisen haben, kann man dem Blog zumindest keine einseitige Berichterstattung vorwerfen. In dieser Hinsicht ist er weiter als so manches Medienunternmehmen.

Weitere Informationen über das Blog auf zeit.online.

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