Pentagon Papers 2.0? Wie arbeitet Social Media den Krieg in Afghanistan auf?
Vor lauter Provinzpolitiker-Pixelhäusern und Google Street View Diskussion ging ein Internetthema diesen Sommer fast unter: das Afghan War Diary. 75.000 Dokumente der US-Armee zum Krieg in Afghanistan, veröffentlicht auf der Enthüllungsplattform Wikileaks. Das ist jetzt genau einen Monat her. Zeit genug, um ein erstes Fazit zu ziehen. Wie arbeitet Social Media den Krieg auf? Kann sich Social Media mit etablierten Massenmedien messen?
Historisches Vorbild für Social Media? Die Pentagon Papers
1967 untersuchte der damalige US-Verteidigungsminister McNamara die Beziehungen zu Vietnam rücklaufend bis 1945. Zwei Jahre später waren die Pentagon Papers fertig. McNamara hatte in der Zwischenzeit abgedankt, sein Team vollendete die Arbeit. Sein Nachfolger und weitere Regierungskreise interessierten sich nicht dafür. Ein Teammitglied und Kriegsgegner kopierte die Studie und leitete sie weiter. ’71 veröffentlichte sie die New York Times. Die Untersuchung zeigte, dass vier Regierungen, von Truman bis Johnson, die Öffentlichkeit wissentlich hinters Licht geführt hatten. Zahlreiche Verfehlungen, die Massenmedien damals nicht aufgedeckt hatten. Die Berichte in der New York Times waren schließlich der Anfang vom Ende. Die Pentagon Papers heizten die öffentliche Diskussion erneut an und leisteten ihren Teil zum Truppenabzug bei.
Und 2010? Kann Social Media eine unabhängige Hintergrundanalyse liefern?
Social Media stellt Material zur Verfügung
Michael Jackson starb im Juni 2009. Die etablierten Medien berichteten in den zwei Monaten danach, ebenso viel über den Tod des King of Pop, wie in den sechs Monaten zuvor über den Krieg in Afghanistan.
Füllt Social Media die Lücke? Wikileaks stellt das Material. Die Plattform selbst ist kein journalistisches Medium. Bezeichnet sich als Portal, auf dem geheime Dokumente anonym veröffentlicht werden können. Zurückzuführen auf den Absender seien diese nicht.
Insider nutzen Wikileaks: Bereits im April veröffentlichten User anonym ein Video eines Luftangriffes auf Bagdad, dem auch Zivilisten zum Opfer fielen. Am 25. Juli folgte das Afghan War Diary. Die Dateien stammen aus einer riesigen Datenbank der US-Armee, auf die Tausende von Soldaten Zugriff hatten. Einige luden die Dokumente herunter und erstellten Kopien. Diese landeten bei der Social Media Plattform Wikileaks, wo sie anonymisiert veröffentlicht wurden.
Social Media vs. Mass Media
Eine Fundgrube für Journalisten. So lieferten zunächst die Massenmedien die eigentliche Story. Zeitgleich zur Veröffentlichung der Dokumente brachten die New York Times, der Guardian und der Spiegel große Hintergrundberichte. Sie hatten die 75.000 Dokumente gesichtet, die Datenflut strukturiert und die entscheidenden Punkte ausgearbeitet. Die Bürgerjournalisten der Social Media gerieten ins Hintertreffen. Ihnen fehlten Kapazitäten und Wissen um das Thema zeitnah zu bearbeiten. Social Media Nutzer sind zur Diskussion und Nachbearbeitung beschränkt. Auch wenn die so entstandenden Graphiken durchaus zum Verständnis der Situation beitragen.
Einen großen Vorteil aber hat Social Media. Die Massenmedien haben zwar mehr Zeit, Geld und Kapazitäten als Blogger & Co. Die Berichterstattung erfolgt jedoch in Wellen. Social Media Nutzer sind vernetzt, haben eine größere Reichweite. Analysiert ein Dutzend Blogger je eine Handvoll Dokumente, kann eine Eigendynamik entstehen. Sie können der Gefahr entgegenwirken, dass das Thema aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerät.
Schaffen Social Media die Pentagon Papers 2.0?
Was also bleibt, einen Monat nach dem Leak? Der große Skandal blieb aus. Das Diary zeigte die kleinen, schmutzigen Details: Pakistans Verstrickung mit der Taliban, die weitreichende Einbindung von Söldnertruppen. Es zeigte das alltägliche Grauen des Krieges, die hohen zivilen Opferzahlen.
Auch ’71 wurden Stimmen laut, dass die enthüllten Dokumente überbewertet waren. In der Nachbetrachtung wird häufig angeführt, dass die Pentagon Papers kein großes Problem für die heute vielbeschworene nationale Sicherheit darstellten. Sie wirkten langsam, entfachten die öffentliche Diskussion erneut und trugen zum Abzug bei.
Ob dies beim Afghan War Diary, den vermeintlichen Pentagon Papers 2.0, der Fall sein wird, bleibt abzuwarten.


Social Media strikes back! Erneut haben Insider auf WikiLeaks brisante Interna veröffentlicht. Diesmal ein geheimes CIA Memo. Thema: Terroristen mit US-Pässen. Doch nicht so sehr die Gedankenspiele der Geheimpolizei sind explosiv. Das Dokument zeigt unter anderem Telefonnummern einer Spezialabteilung. Der Bericht selbst ist weniger die Enschätzung der US-Regierung bzw. der CIA. Vielmehr wird deutlich, wie die Vordenker der Organisation arbeiten und wie sie Situationen einschätzen (hier).
Irgendwie lässt sich schon sagen, dass sich durch die Möglichkeiten der Social Media etwas verändert. Wer sich von Chefs nicht verstanden fühlt, unzufrieden ist oder einfach nur will, dass die Welt brisantes erfährt – dem bietet Wikileaks ein mächtiges Instrument. McNamara und seine Leute mussten immerhin warten, bis sich die großen Zeitungen mit dem Thema befassten. Diese Barriere existiert nicht mehr. Dafür aber eine andere: Wer soll die Dinge sichten? Wer hat die Kompetenz, zu entscheiden: Das sind neue, wertvolle Informationen. Das sind schlechte Informationen? Immerhin bietet Wikileaks ja auch den Agent Provocateuren der internationalen Geheimdienste die Möglichkeit, Falschmeldungen zu verbreiten. Wer kann das schließlich nachprüfen?
Wikileaks und die Vernetzung der Social Media erleichtern es aber für Aktivisten, an brisante Regierungsinformationen zu gelangen. Ob sie damit umgehen können, ist eine andere Frage. Letztendlich ist es die Fundamentalfrage zur Social Media: Besitzt die Masse soviel Weisheit? Oder ist es die Dummheit der Vielen, die obsiegt?
du, sry, aber wikileaks könnte im laufe der zeit – als netzwerk – weitaus mehr journalistische hintergründe zusammenbekommen als die gesamte derzeit aufröchelnde neoconecke (beginnend mit thiessen, der sich in der washingtonpost – wohlgemerkt als redeschreiber von bush – also PR) als “journalist” für seine kampagne aufgespielt hat. peinlich, dass die wp da mitgemacht hat, aber die kommentare auf thiessens berufsverwirrung konnten haben nach kurzer zeit mehr als 30 seiten erreicht…
linkempfehlung (neulich im netz gefunden) – eine chronologische betrachtung der reaktionen auf die jüngste veröffentlichung der red cell papers:
http://shortlinks.de/m854
klick
und noch eine ergänzung: derzeit verändert sich die “hot story” zu einer – jetzt erwarteten – auseinandersetzung bei den nächsten wahlen zwischen den schwedischen sozialdemokraten und piraten. es wird zeit, die europäische piratenflagge zu hissen!
hier details: klick
(für den fall, dass dieses kommentarfeld mit html probleme hat, hier der ausgeschriebene link: http://shortlinks.de/5phb )
und evtl. noch ein letztes nebenbei: neulich in einem tickerchannel gefunden…
” @DanielEllsberg taking your wish list seriously… http://shortlinks.de/b5i9 wikileaks “
Interessanter Artikel. Allerdings kann ich mit dem Tenor des Wikileaks-Artikels nicht so ganz übereinstimmen. Der Vergleich mit den Pentagon-Papieren hinkt hier zu sehr.
Nicht zuletzt hat Daniel Ellsberg, der die damaligen Pentagon-Papiere veröffentlichte und dafür eine hohe Gefängnisstrafe erhielt, in einer ersten Stellungnahme treffend festgestellt, dass es doch sehr schwer sein müsse, etwa 70.000 Dokumente zu lesen, bevor man sie veröffentlicht.
Ich bin sehr skeptisch über die Hintergründe dieser Veröffentlichung, denn man mußte z.B. nicht die Namen von Afghanischen Kollaborateuren ins Netz stellen – dies hat niemandem geholfen und den Betroffenen schwer geschadet. Es ist vielleicht die Ernsthaftigkeit, die den wesentlichen Unterschied zwischen den Pentagon-Papieren und den Wikileaks-Dokumenten ausmacht. Ganz anders ist die Sache allerdings bei dem “Collateral-Murder”-Film …