Jeff Jarvis in der ZEIT ONLINE Debatte

1. Zeit online Debatte

1. Zeit Online Debatte, München

Auch wenn das Wetter am Dienstagabend in München sehr trübe war – die Stimmung im BMW Pavillon am Lehnbachplatz zur ersten ZEIT ONLINE Debatte war es definitiv nicht. Zwei spannende Stunden diskutierten Wolfgang Blau, Chefredakteur ZEIT ONLINE und Jeff Jarvis, Internetexperte zum Thema „Der Google-Mythos: Macht und Ohnmacht im Netz“. Mit einer unterhaltsamen These startet Jarvis in die Diskussion. Die Deutschen sind wesentlich stärker um ihre Privatsphäre im Netz besorgt als um ihre körperliche Privatsphäre. Das hat Jarvis bei diversen Saunagängen gelernt. Seine Erklärung: In der Sauna sieht sonst niemand zu – im Netz dagegen schon. Diese Art von Öffentlichkeit mögen die Deutschen nicht. In keinem Land der Welt wird die Debatte um den Schutz der Privatsphäre im Netz heftiger geführt als in Deutschland. Gleichzeitig ist Google nirgendwo so verbreitet wie in Deutschland: Das deutsche Sauna-Paradoxon.

Deutsche Kultur als Wettbewerbsnachteil

Nicht die Öffentlichkeit der sozialen Medien per se ist das Problem – es ist die Öffentlichkeit bzw. die Gesellschaft, die mit dieser Offenheit nicht umgehen kann. Lieber nichts sagen und andere nicht zu viel wissen lassen lautet die Devise vieler Deutschen. Laut Jarvis ist dieses gesellschaftliche Phänomen nicht nur auf die NS-Vergangenheit zurückzuführen. Dies war bereits Teil der deutschen Kultur lange bevor Hitler an die Macht kam. „You don’t show your failures and you don’t show your feelings“, bringt es Jarvis auf den Punkt. Diese Haltung ist sicherlich auch ein Grund, warum die Gründerszene hier in Deutschland im Vergleich zu den USA weit abgeschlagen ist. Solange Scheitern ein Makel ist, so lange wird sich nicht viel ändern. Jarvis geht sogar noch einen Schritt weiter: „If you don’t share your failures, no one can help you“ – für den Universitätsprofessor ein eindeutiger Wettbewerbsnachteil für die Deutschen.

Internet als neue Form der Gesellschaft

Jeff Jarvis in der Zeit online Debatte

Digitaler Revolutionär: Jeff Jarvis

Das Internet ist laut Jarvis kein Medium, sondern ein öffentlicher Platz, sogar eine neue Gesellschaft. In diesem Zusammenhang verteidigt er Google Street View und den kürzlichen Datenskandal. Wir erinnern uns: Google hat zugegeben, im Rahmen der Fahrten mit den Street-View-Cars nicht nur Strassen und Informationen über private WLAN-Netze, sondern auch innerhalb dieser verschicktes Datenmaterial gespeichert zu haben. Jarvis spricht von einem dummen Fehler, ohne Absicht dahinter. Er kennt kein Geschäftsmodell, das mit diesen Daten etwas anfangen kann. Genauer hingehört ist sein Punkt jedoch nicht die Verteidigung von Google Street View als solches, sondern die demokratischen Auswirkungen des Falls. „Public is public and we should fight for it.” Wenn Google im öffentlichen Raum nicht aufzeichnen darf, könnte es auch Journalisten verboten werden, zu fotografieren. Ein Gedanke, der es wert ist, weitergedacht zu werden.

Jarvis fordert Bill of Rights

In München verteidig Jarvis auch Googles Vorgehen in China als einen Kampf für alle Netzbürger. Google ist der größte Beschützer des Internets – auch wenn sie diese Rolle nicht wollen und wir auch nicht. Wir sollten uns nicht auf die Institutionen verlassen und müssen selbst handeln. Das ist es, was eine neue Internet-Gesellschaft ausmacht. Deshalb fordert Jarvis Grundrechte für das Internet. Wer dieses Thema vertiefen möchte, kann seine Forderungen – neun an der Zahl – in seinem Blog nachlesen. Eine Übersetzung gibt es bei ZEIT ONLINE.

Zukunft des Journalismus

Chefredakteur Zeit online, Wolfgang Blau

Wolfgang Blau, Chefredakteur ZEIT ONLINE

„Nicht der investigative Journalismus ist tot, sondern der langweilige“, lautet eine von Jarvis prägnantesten Thesen zu diesem Thema. Twitter ist für ihn eine Form von kollaborativem Journalismus. In den USA konnte über Twitter beispielsweise mit einer 97prozentigen Wahrscheinlichkeit der Erfolg von Filmstarts vorhergesagt werden. Die Weisheit der Masse in sozialen Netzwerken ist für Jarvis ganz klar eine Chance. Journalisten müssen sich jedoch überlegen, welchen Mehrwert sie diesen Informationen beisteuern können. Als Problem sieht er die Verdichtung und Analyse von Daten. Er verweist auf einen namentlich nicht genannten Kreditkartenanbieter in den USA, der durch die Analyse des Kaufverhaltens von Ehepaaren die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung vorhersagen kann. Das klingt nach Big Brother und dürfte sicherlich Feuer ins Öl der Datenschutzdiskussion in Deutschland gießen. Die Antwort auf die Frage welche Geschäftsmodelle es für die Zukunft des Journalismus gibt, bleibt Jarvis an diesem Abend jedoch schuldig. Noch forscht er mit seinen Stundenten zu diesem Thema an seinem Lehrstuhl an der Universität von New York. Dass Social Media für die Zukunft des Journalismus eine große Rolle spielen werden, steht für ihn heute  bereits fest.

Internet bietet große Chancen

Christine Höger und Catharina Wilhelm

Begeisterte Teilnehmerinnen

Am Ende der Diskussion wird Jarvis noch optimistischer (sehen wir mal davon ab, dass er von Wolfgang Blau konkret dazu aufgefordert wurde). Da in Deutschland die fundamentalen Auswirkungen der Finanzkrise mit einer Zeitverzögerung von zwei Jahren ankommen, können wir aus den Fehlern der Amerikaner lernen. Und: Das Internet bietet eine große Chance für Neues. Um nichts anderes gehe es auch in seinem Buch über Google. Mit diesen Worten schloss die Veranstaltung. Danach gab es leckere Häppchen und Zeit fürs Netzwerken. Kompliment an dieser Stelle an die Veranstalter von ZEIT ONLINE – auch für die Wahl des BMW Pavillons am Lehnbachplatz.

Jarvis veröffentlicht 2011 neues Buch

Starblogger, digitaler Revolutionär, Medienvisionär – für Jeff Jarvis gibt es viele Superlative. Auch der Abend hat gezeigt: Er ist ein faszinierender Mann, der wie kein anderer der Branche wichtige Denkanstöße gibt und selbst mutig das Gesagte lebt. Ein Amerikaner durch und durch – auch was seine Haltung den Deutschen gegenüber betrifft. Aber gerne winken wir ein paar markante Sprüche durch. Das gehört bei ihm schließlich zum Geschäft. Auf sein neues Buch „Public Parts“ über das Ende der Privatsphäre und die Vorteile von Öffentlichkeit sind wir sehr gespannt.

Noch eine Bemerkung zum Schluss

Gerne hätten wir in diesem Beitrag auch auf andere Berichte zur ZEIT ONLINE Debatte verwiesen. Doch gibt man in Google, zwei Tage nach der Veranstaltung, die Key Words „Zeit online“ und „Jarvis“ ein, finden sich unter den ersten 20 Suchergebnissen eine Vielzahl von Ankündigungen der Veranstaltung sowie Twitter-Links, aber nur ein kurzer Beitrag von Sandra Liebich von news aktuell, auf den wir hier gerne verweisen. Aus Sicht eines guten Online Reputation Managements könnte ZEIT ONLINE noch ein bißchen nachlagen.

Über Claudia Thaler

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